Das heutige Amarna (in pharaonischer Zeit bekannt als Achet-Aton, „Der Horizont des Aton“) liegt etwa 300km südlich von Kairo am östlichen Ufer des Nils. Die Stadtgründung erfolgte um 1350 v. Chr. (18. Dynastie) durch Pharao Echnaton, und Amarna wurde zum neuen administrativen und kulturellen Zentrum Ägyptens. Massive Paläste, Tempel und Verwaltungsbezirke sowie Werkstätten und Behausungen für vermutlich über 40000 Menschen wurden innerhalb kürzester Zeit gebaut.
Echnaton revolutionierte zusammen mit Königin Nofretete das alte Glaubensbild der Ägypter, indem er den Sonnengott Aton an die Spitze des vielfältigen Götterpantheons setzte und sämtliche Kulthandlungen auf die Verehrung der Sonne beschränkte. Dies rief den Unmut der zahlreichen Amun-Priester hervor, die überflüssig geworden waren. So erstaunt es nicht, dass die Lebenserwartung Amarnas an die des Stadtgründers geknüpft war: nach dem Ableben des unbequemen Königs wurde die Zeit zurückgedreht. Memphis wurde wieder der Verwaltungssitz Ägyptens, und Theben eroberte sich den Status als Zentrum für Kulthandlungen, vor allem des Amun-Kultes, zurück.
Achet-Aton galt als ‚verbrannte Erde‘; die Stadt wurde verlassen, und jegliches Andenken an Echnaton und Nofretete aus der Geschichtsschreibung getilgt. Neueste Erkenntnisse legen jedoch nahe, dass die Stadt länger besiedelt blieb als bisher gedacht, und der Kult für den Sonnengott bis in die Regierungszeit von Seti I weitergeführt wurde.
Seitdem Ende des 18. Jahrhunderts französische Soldaten erstmals die Überreste Amarnas entdeckten, wurde das Stadtgebiet systematisch, wenn auch nicht gänzlich, ausgegraben, vermessen, kartographiert und dokumentiert, und diverse Kunstschätze, allen voran die berühmte Büste der Königin Nofretete (links, Neues Museum Berlin), in aller Welt verteilt.
Obwohl heute von der Stadt selbst nicht viel mehr sichtbar ist als die Abraumhügel vergangener Ausgrabungen sowie niedrige Lehmziegelmauern, locken vor allem die Felsgräber für hohe Beamte immer wieder Besucher an diesen abgelegenen, von hohen Klippen umgebenen Teil Mittelägyptens. Einige sind reich dekoriert und erzählen vom farbenfrohen Leben in Amarna unter den schützenden Strahlen des omnipräsenten Aton. Bilder von ausschweifenden Festivitäten und reich gedeckte Opfertische erwecken den Anschein von Überfluss. Zudem geben die detaillierten Reliefs Auskunft über das Aussehen und die Lage wichtiger Regierungsgebäude innerhalb der Stadt, obwohl man den antiken Meistern stets ein gewisses Maß an künstlerischer Freiheit zugestehen muss.
Die königliche Familie zeigt sich volksnah und liebevoll im Umgang miteinander (rechts, Echnaton mit seiner ältesten Tochter Meritaton; Neues Museum Berlin). Insgesamt hatte das Paar sechs Töchter, von denen die zweitälteste, Meketaton, früh verstarb und im Königsgrab in einem Wadi östlich der Stadt ihre letzte Ruhe fand.
Ob die Menschen hier wirklich ein erfülltes Leben im Einklang mit dem neuen Glauben führten, und ob Echnaton tatsächlich ein ‚König des Volkes‘ war, wird man wohl nie mit Sicherheit sagen können.
Doch jede Grabungskampagne in Amarna bringt neue Einblicke und Informationen über diese längst vergangenen Zeit an die Sonne, und das Amarna Project und seine Mitarbeiter geben ihr Bestes, Licht auf diese aus den Annalen getilgte Epoche der ägyptischen Geschichte zu werfen.