Ausgrabungen im Großen Aton Tempel

Das Areal des Großen Aton Tempels misst etwa 900m x 300m und wurde bereits mehrfach zuvor ausgegraben und dokumentiert:

1891/92 von William Matthew Flinders Petrie und seinem Assistenten Howard Carter, die eine eher oberflächliche Untersuchung des Tempels durchführten und grobe, aber akkurate Pläne anfertigten.
Dann in 1926/27 von Henri Frankfort, der sich auf den hinteren Teil des Temenos und das ‚Sanctuary‘ konzentrierte.
Zuletzt legte eine Grabung der Egypt Exploration Society (EES) im Jahr 1932 unter der Leitung von John D. S. Pendlebury das gesamte Areal des Steintempels in nur einem Monat frei, und der Architekt Ralph Lavers fertigte detaillierte Pläne an (rechts). 

In der Vergangenheit wurden die Prioritäten jedoch anders gesetzt, und in erster Linie galt es, Sponsoren mit eindrucksvollen Kunstgegenständen zufriedenzustellen, um die Finanzierung zukünftiger Kampagnen zu sichern. Die wohl berühmteste Vertreterin dieser Kategorie ist die Büste der Königin Nofretete, welche heute im Neuen Museum Berlin bewundert werden kann.

Die aktuellen Grabungsarbeiten des Amarna Projects im Großen Aton Tempel unter der Leitung von Barry J. Kemp und Anna K. Hodgkinson als stellvertretender Direktorin begannen im Jahr 2012 und finden seitdem, je nach verfügbaren finanziellen Mitteln und dem Eintreffen der Arbeitserlaubnis, ein- bis zweimal pro Jahr statt. Zunächst beschränkten sich die Grabungen auf den Eingangsbereich des Tempels, inklusive Lehmziegelpylon, und die Freilegung und erneute Dokumentation verschiedener Strukturen, wie z.B. mehrerer Lehmziegel-Opfertische im südlichen Bereich des Temenos (links). Des Weiteren wurde ein überarbeiteter Plan des Tempelgebäudes erstellt (oben). Außerdem mussten diverse Abraumhügel vorangegangener Grabungen abgetragen werden, um an die darunterliegenden Schichten zu gelangen. Dazu wurde der Sand gesiebt und brachte hunderte fragmentarische Funde hervor, die frühere Expeditionen entweder übersehen haben oder für nebensächlich befanden. Diese wurden in akribischer Kleinstarbeit im Grabungshaus dokumentiert und lagern nun im angrenzenden Magazin.

Das Ziel des Amarna Project ist eine umfassende Analyse des Kultgeschehens im Tempel unter Miteinbeziehung älterer und neuer Funde in der Hoffnung, neue Einblicke in Echnatons Vorstellung vom ‚perfekten‘ Kultort für den Sonnengott Aton zu erlangen.

Im Laufe der Grabungsarbeiten kommen immer mehr Hinweise auf frühere Bebauungen zum Vorschein. Sie sind durch eine etwa 70cm dicke Schicht von den Steinstrukturen der letzten Bauphase getrennt und somit erhalten worden.
Diese Schicht, auch ‚levelling rubble‘ genannt, besteht hauptsächlich aus Sand, Lehmziegeln, Tonscherben und jeglicher Art antiken ‚Abfalls‘, für den die Arbeiter einst keine Verwendung mehr hatten. Entsprechend vielseitig und interessant sind die Funde, z.B. der Torso einer fast lebensgroßen Statue der Königin Nofretete, die während der frühen Okkupation des Temples zu Bruch ging (rechts).
Die Absicht dieser Schuttschicht war die Ebnung des Tempelgeländes, welches nach Westen hin, Richtung Nil, abfällt, in Vorbereitung auf die letzte Bauphase. Gleichzeitig schützte die Schicht diverse Strukturen früherer Bauphasen, welche uns einen einmaligen Einblick auf die ersten Bauprojekt nach der Gründung der Stadt liefern.

So kamen unter anderem die Überreste eines bisher unbekannten Gebäudes zum Vorschein. Es handelt sich anscheinend um ein ‚Königliches Zelt‘, in welchem sich Echnaton erfrischen und auf Zeremonien vorbereiten konnte. Über 40 Pfostengruben und flache Gräben repräsentieren die Anordnung der einzelnen Zimmer, und eine Gruppe bemalter Gips-Fragmente lieferten weitere Hinweise darauf, dass es sich um ein royales Gebäude handelt: Sie stammen von der  Darstellung eines ausländischen Gefangenen und waren vermutlich Teil der Bodendekoration unter Echnatons Thron (unten).
Diese Art von Bodenbelag war dem König vorbehalten, der seine Feinde quasi ‚im Vorbeigehen‘ niedertrampelte oder seine Füße auf ihnen ruhen ließ. Die Zeltwände waren entweder aus farbigen Stoffen, gewebten Palmblättern oder vielleicht sogar Leder beschaffen.

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Da die Tempelgebäude der letzten Bauphase aus Stein gebaut waren und dieser ein wertvolles Baumaterial darstellte, wurden die sogenannten Talatat-Kalksteinblöcke nach Echnatons Tod systematisch abgetragen und andernorts wiederverwendet, z.B. in Hermopolis auf der anderen Seite des Nils. Sie hinterließen jedoch ihre Abdrücke in den Gipszement-Fundamenten des Tempels, welche es ermöglichen, die entsprechenden Mauern zu rekonstruieren.

Zusätzlich zu den Grabungsarbeiten hat das Amarna Project beschlossen, die Umrisse der Steinstrukturen der letzten Bauphase nachzubauen (links und unten, Stand Herbst 2023). Dies dient sowohl dem Schutz der antiken Strukturen (eine Sandschicht trennt die modernen Mauern und die darunter liegenden Fundamente), als auch dem Schutz des Tempelgeländes selbst, da der Friedhof des angrenzenden Dorfes Et-Till bereits große Teile des nördlichen Temenos bedeckt und schleichend näher kommt. Zudem können Besucher sich nun ein Bild von den Dimensionen und der Strukturierung des Tempels machen.

 

Infolgedessen wurden die Ausgrabungen seit 2019 auf den hinteren Teil des Steintempels ausgeweitet (siehe rechts; Stand Herbst 2023). Zunächst werden die Gräben, die die abgetragenen Tempelmauern hinterlassen haben, und die sich mit altem Bauschutt und über die Jahrhunderte angesammeltem Sand gefüllt hatten, freigelegt. Auch hier traten zahlreiche Funde zutage, die Aufschluss über die Dekoration des jeweiligen Tempelabschnitts lieferten, ebenso wie die Abdrücke der Talatat-Blöcke im Gipszement-Fundament und in Tinte aufgetragene Orientierungslinien der antiken Baumeister.
Die Fundamente werden, wie üblich, im Maßstab 1:25 per Zeichnung (hauptsächlich durch Juan Friedrichs) und durch Orthofotografie (Paul Docherty, www.amarna3d.com) dokumentiert. Die Position der Tempelstrukturen wird anschließend mit frischen Kalksteinblöcken aus den Tura-Steinbrüchen bei Kairo rekonstruiert, welche u.a. bereits Material für die Pyramiden von Giza lieferten. 

Weil das Projekt zeitlich nicht begrenzt ist und weite Teile des Tempels weiterhin unerforscht sind, könnten die Grabungsarbeiten über mehrere Jahrzehnte fortgeführt werden.
Da wir nicht an eine Institution gebunden sind hängt die Weiterführung und der Erfolg der Arbeit des Amarna Projects von Fördergeldern ab.
Daher besteht die Möglichkeit, personalisierte Kalksteinblöcke sowie Opfertische zu erwerben, und somit zum Erhalt der Tempelanlage beizutragen. 
Zusätzliche Spenden sind natürlich ebenfalls jederzeit willkommen.

Das Foto links zeigt Mohamed Shahata beim Versenken einer Zeitkapsel, die eine persönliche Nachricht eines Sponsors an die Nachwelt enthält.

Die Grabungsberichte der vergangenen Jahre können hier eingesehen und heruntergeladen werden.

Dieser Link führt zu einem Kurzfilm von Dalia el-Abd über die Arbeiten am Tempel.